Die Uganda-Giraffe – Giraffa camelopardalis rothschildi

Uganda, im östlichen Afrika direkt auf dem Äquator gelegen, ist zwar nur 241 000 Quadratkilometer gross (Deutschland: 357 000 km2), jedoch umschliesst es ein bemerkenswert breites Spektrum unterschiedlicher Landschaftsformen – von den fruchtbaren Tälern der Quellarme des Nils im Nordwesten und den trockenen Dornbuschsavannen im Regenschatten des Karamojagebirges im Nordosten über die teils felsigen, teils sumpfigen Uferzonen des Victoriasees im Südosten und die weiten Hochgras- und Baumsavannen im Süden bis hin zu den nebelverschleierten Bergregenwäldern und den frostigen Gletschergipfeln des bis über 5000 Meter hohen Ruwenzorigebirgs im Südwesten.

Der Vielfalt natürlicher Lebensräume entspricht die Vielgestaltigkeit der ugandischen Tierwelt. Ihr gehören unter anderem die meisten jener spektakulären Savannensäuger an, die für Ostafrika so typisch sind. Unter ihnen befindet sich die Giraffe (Giraffa camelopardalis), die in Uganda durch eine separate Unterart vertreten ist, welche als Uganda-Giraffe, Rothschild-Giraffe oder Baringo-Giraffe (Giraffa camelopardalis rothschildi) bezeichnet wird. Von ihr soll hier berichtet werden.

Die grösste Giraffenrasse

Die Familie der Giraffen (Giraffidae), welche innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) zur Sippe der Wiederkäuer (Ruminantia) gehört, umfasst lediglich zwei Arten: zum einen das scheue Okapi (Okapia johnstoni), das in den dichten Regenwäldern des Kongobeckens lebt, und zum anderen die langhalsige Giraffe, deren bevorzugte Heimat die mit lichten Gehölzen durchsetzte afrikanische Savanne ist. Es sind die letzten Überlebenden einer einstmals formenreichen Sippe, deren Ursprünge rund fünfundzwanzig Millionen Jahre zurückreichen.

Das Verbreitungsgebiet der Giraffe hat sich noch vor wenigen Jahrhunderten über weite Bereiche des afrikanischen Kontinents südlich der Sahara erstreckt. Seit der Mensch allerdings die Savannen Stück für Stück für sich und sein Vieh beansprucht und er den Savannentieren mit weitreichenden Schusswaffen nachstellt, sind die Giraffen aus vielen Regionen verschwunden. Die letzten einigermassen umfangreichen Giraffenbestände finden sich heute im Bereich der grossflächigen Nationalparks Ostafrikas.

Das Fellmuster der Giraffe ist innerhalb ihres weiten Artverbreitungsgebiets ziemlich variabel, und auch die Farbe der Flecken schwankt von hellorange über kastanienbraun bis hin zu schwarz. Dies hat zur Unterscheidung von neun verschiedenen Giraffenunterarten geführt. Allerdings ist die Fellzeichnung bei den meisten dieser Rassen dermassen uneinheitlich, dass selbst die Fachleute eine sichere Identifizierung einzelner Individuen nur anhand ihrer geografischen Herkunft, nicht aber anhand ihrer Zeichnung vorzunehmen vermögen. Der Sinn der innerartlichen Gliederung ist deshalb umstritten.

Die Uganda-Giraffe gilt als die grösste aller Giraffenrassen: Grossgewachsene Männchen können bis zur Hörnerspitze eine Höhe von nahezu sechs Metern erreichen. In ihrem Aussehen ähnelt sie der Netzgiraffe (Giraffa camelopardalis reticulata), welche in Kenia, Äthiopien und Somalia beheimatet ist. Wie jene weist sie ziemlich grosse und klar begrenzte Flecken auf, welche sich plattenartig vom hellen «Untergrund» abheben. Bei der Uganda-Giraffe sind die «Fugen» zwischen den «Platten» jedoch deutlich breiter als bei der Netzgiraffe. Ausserdem haben die Platten eine gelbbraune bis mittelbraune Färbung, während sie bei der Netzgiraffe im allgemeinen leuchtend rotbraun sind. Im Unterschied zur Netzgiraffe weist die Uganda-Giraffe im übrigen unterhalb der «Knie» (was in Wirklichkeit die Hand- und Fussgelenke sind) keine Musterung auf.

Mahlzeit im oberen Stockwerk

Hinsichtlich ihrer Lebensgewohnheiten verhält sich die Uganda-Giraffe wie alle Giraffenrassen: Sie ist eine Vegetarierin und kann dank ihrer ausgewöhnlichen Körpergrösse eine Nahrungsnische nutzen, welche für die meisten anderen Pflanzenesser der afrikanischen Savanne unerreichbar ist: das Blattwerk der Baumkronen. Der einzige andere Grosssäuger, der mitunter im selben «Stockwerk» speist, ist der Afrikanische Elefant (Loxodonta africana). Die Uganda-Giraffe beschränkt sich allerdings nicht darauf, ihre Kost aus dem Angebot im Baumkronenbereich zusammenzustellen. Häufig beugt sie ihren langen Hals auch nach unten, um Blätter und Triebe von der Oberseite niedrigwüchsiger Bäume und Sträucher zu sich zu nehmen, an welche die normalgrossen Huftiere der Savanne ebenfalls nicht herankommen.

Uganda-Giraffen bewegen sich oft in Gruppen von etwa sieben Individuen umher. Dabei handelt es sich nicht um feste Verbände, sondern um lose Ansammlungen von «Nachbarn»: Immer wieder entfernen sich einzelne Tiere aus einer Gruppe, andere stossen neu hinzu. Beobachtungen haben aber gezeigt, dass jede Giraffe mit bestimmten Nachbarn öfter und länger zusammenbleibt als mit anderen. Die Tiere einer bestimmten Gegend scheinen einander also «persönlich» zu kennen und gewisse «Freundschaften» zu pflegen.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Pflanzenessern der afrikanischen Savanne kennt die Uganda-Giraffe keine feste Fortpflanzungszeit. Giraffenkinder kommen zu allen Jahreszeiten zur Welt. Die Tragzeit dauert ungefähr 15 Monate und gewöhnlich kommt ein einzelnes Junges zur Welt; Zwillingsgeburten sind sehr selten. Bei der Geburt weist das Giraffenjunge bereits eine Höhe von 1,7 bis 2 Metern und ein Gewicht von bis zu 70 Kilogramm auf. Nach einer guten Viertelstunde vermag es sich erstmals auf seinen Beinchen aufzurichten, und noch vor Ablauf einer Stunde nimmt es in der Regel seine erste Milchmahlzeit zu sich. Die Entwöhnung erfolgt im Alter von etwa einem Jahr, die Loslösung von der Mutter im Alter von ungefähr anderthalb Jahren. In freier Wildbahn liegt das Höchstalter bei etwa 25 Jahren.

In ihrer Jugend müssen sich die Uganda-Giraffen vor einer ganzen Reihe von Raubfeinden in acht nehmen, darunter Nilkrokodilen (Crocodylus niloticus), Tüpfelhyänen (Crocuta crocuta), Afrikanischen Wildhunden (Lycaon pictus) und Leoparden (Panthera pardus). Die erwachsenen Tiere haben hingegen nur einen einzigen natürlichen Feind zu fürchten: den Löwen (Panthera leo). Eine aufmerksame Giraffe kann sich allerdings gegen Löwen mit den furchtbaren Schlägen ihrer Hufe gut verteidigen. Tatsächlich gibt es mehrere verbürgte Augenzeugenberichte, wonach Giraffen angreifende Löwen durch Tritte getötet haben.

Anders sieht es aus, wenn ein Löwe eine Giraffe zu überraschen vermag, die – etwa beim Schlafen, Trinken oder Beweiden eines Buschs – ihren Kopf tief hält. Dann kann es ihm durchaus gelingen, die Giraffe an der Kehle zu packen und sie zu ersticken. In der Tat gibt es gebietsweise Löwen, die sich auf diese Technik spezialisiert haben und beträchtliche Ausfälle unter den ansässigen Giraffen verursachen.

Plantagen, Gewehre, Rinderpest

Die Uganda-Giraffe hatte schon immer ein ziemlich beschränktes Vorkommen im «Dreiländereck» Kenia-Sudan-Uganda. In Kenia erstreckte sich ihr Verbreitungsgebiet im Westen des Landes vom Uasin-Gishu-Plateau westlich des Baringosees über die Trans-Nzoia-Region bis in die trockenen Landstriche beim Turkanasee ganz im Norden des Landes. Im Sudan kam sie in den offenen Waldsavannen der südlichen Landesteile vor. In Uganda war sie in den nördlichen und östlichen Bereichen des Landes – östlich der Nilzuflüsse – anzutreffen.

Zwar war die Uganda-Giraffe von alters her ein begehrtes Jagdwild des Menschen gewesen. Solange die menschliche Bevölkerung aber klein war und die Jagd zu Fuss, mit einfachen Waffen und ohne systematisches Vorgehen erfolgte, konnte das im wörtlichen Sinn herausragende Savannentier diese Ausfälle durchaus über seine natürliche Nachzucht wieder wettmachen. Zu keiner Zeit war sein Überleben ernsthaft in Gefahr.

Die Situation änderte sich schlagartig, als die Europäer gegen Ende des 19. Jahrhunderts diesen Teil Afrikas zu besiedeln und die fruchtbaren Savannen in landwirtschaftliche Nutzflächen umzuwandeln begannen: Auf breiter Front wurde die Uganda-Giraffe damals aus ihren angestammten Lebensräumen verdrängt. Ausserdem wurde sie verstärkt mit modernen Gewehren bejagt, teils des Fleischs wegen, teils weil sie hie und da Schäden an Zäunen und Kulturen verursachte. Bald war sie aus ganzen Regionen vollständig verschwunden.

Zusätzlich verschlimmert wurde ihre Lage, als in den Jahren 1890/91 und nochmals 1896/97 die Rinderpest, eine für Paarhufer verheerende Viruskrankheit, durch weite Teile Ostafrikas wogte und dabei die Nutztiere des Menschen ebenso erfasste wie die Wildtiere. Unter letzteren traf es die Kaffernbüffel (Syncerus caffer) und die Giraffen am schwersten. Tausende von ihnen raffte die Seuche dahin.

Letzte Zufluchtsstätten am Nakurusee und bei den Murchisonfällen

In den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts wurde der Zustand der Uganda-Giraffe in Kenia als besorgniserregend eingestuft. Man schätzte den Gesamtbestand im Land auf nur noch rund 200 Individuen. Davon lebten 70 bis 100 Tiere gut geschützt auf einem grossen privaten Landgut bei Soy in der Nähe der Stadt Eldoret. In den siebziger Jahren gelangte das betreffende Gut jedoch zum Verkauf und wurde dabei in mehrere kleinere Besitzungen aufgeteilt, wodurch die Zukunft dieses letzten grösseren Bestands der Uganda-Giraffe in Kenia plötzlich sehr ungewiss erschien. Die kenianische Naturschutzbehörde liess aus diesem Grund eine kleine Herde von 17 Individuen bei Soy einfangen und in den etwa hundert Kilometer weiter östlich gelegenen Lake-Nakuru-Nationalpark überführen. Dieser mit einer Fläche von 200 Quadratkilometern verhältnismässig kleine Nationalpark ist vollständig umzäunt und lässt sich gut überwachen. Tatsächlich haben sich die umgesiedelten Giraffen dort gut eingelebt und ihren Bestand inzwischen auf 30 bis 40 Individuen erhöht.

Über die Situation der Uganda-Giraffe im Südteil des Sudans sind seit längerer Zeit keine verlässlichen Informationen erhältlich. Da diese Landesteile seit Jahrzehnten immer wieder von blutigen Auseinandersetzungen heimgesucht werden, die ihre Ursache in der ethnisch-religiösen Zweiteilung des Landes haben, ist zu befürchten, dass der Giraffenbestand heute weitgehend ausgelöscht ist.

In Uganda wurden die Uganda-Giraffen in den sechziger Jahren als recht weitverbreitet, jedoch ziemlich selten eingestuft. Die meisten von ihnen lebten in der Karamoja-Region im Osten des Landes zwischen dem Mount Elgon im Süden und der Grenze zum Sudan im Norden. Auf ungefähr tausend Individuen wurde der örtliche Bestand geschätzt, wovon rund die Hälfte im Bereich des 1300 Quadratkilometer grossen Kidepo-Valley-Nationalparks vorkam. Ein auf etwa hundert Individuen geschätzter Giraffenbestand lebte ferner im Nordwesten Ugandas, im 4000 Quadratkilometer grossen Murchison-Falls-Nationalpark. In beiden Parks fanden sich damals auch noch ansehnliche Bestände von Afrikanischen Elefanten, von Spitzmaulnashörnern (Diceros bicornis) und Breitmaulnashörnern (Ceratotherium simum) sowie von Kaffernbüffeln, Steppenzebras (Equus burchelli) und vielen weiteren grossen Savannentieren.

Ab den frühen siebziger Jahren, nach dem Staatsstreich von General Idi Amin Dada, wurde Uganda jedoch in ein politisches und wirtschaftliches Chaos gestürzt, das sowohl auf die menschlichen als auch auf die tierlichen Bewohner des Landes katastrophale Auswirkungen hatte. Unter anderem wurden die Nationalparks und Wildreservate von schwerbewaffneten Wilderer- und Guerillabanden förmlich überrannt. Giraffen, Büffel, Zebras und Antilopen wurden wegen ihres Fleischs, Elefanten und Nashörner wegen ihres Elfenbeins bzw. Nasenhorns abgeschlachtet. 1981 war der Elefantenbestand Ugandas um 90 Prozent vermindert, beide Nashornarten waren vollständig ausgerottet, und von den Uganda-Giraffen fanden sich in der ganzen Karamoja-Region nur noch geschätzte 150 Individuen, allesamt im Kidepo-Valley-Nationalpark.

Terrorherrschaft und Bürgerkriegswirren hielten in Uganda bis 1986 an. Seither versucht der neue Präsident Yoweri Kaguta Museveni, das Land zu befrieden, wieder regierbar zu machen und die Wirtschaft wiederzubeleben. Für die Uganda-Giraffen im Kidepo-Valley-Nationalpark kommt die Wende wohl zu spät: 1990 war ihr Bestand auf fünf Individuen geschrumpft, von denen 1993 nur noch drei übrig waren. Die Fachleute glauben nicht, dass dieser klägliche Restbestand aus eigener Kraft (d.h. ohne künstliche Bestandsaufstockung) zu überleben vermag. Erstaunlicherweise deutlich besser ist es den Uganda-Giraffen im Murchison-Falls-Nationalpark ergangen: Zählungen aus der Luft haben im Jahr 1991 einen Bestand von rund 80 und 1995 von rund 100 Individuen ergeben.

Es ist zu hoffen, dass es der derzeitigen Regierung Ugandas gelingt, eine lebensfähige politische Struktur zu schaffen und die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Dazu gehört gewiss auch die Förderung des Tourismus, der früher eine wesentliche Einnahmequelle des – von Winston Churchill als «Perle Afrikas» gerühmten – Landes bildete. Um Touristen wieder nach Uganda zu locken, bedarf es auf jeden Fall der Wiederherstellung der allzulange vernachlässigten Naturschutzgebiete, worin der WWF die ugandischen Behörden im Rahmen mehrerer Projekte tatkräftig unterstützt. Nicht zuletzt werden diese Bemühungen auch der arg bedrängten Uganda-Giraffe zugute kommen.

© 1997 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)

Mit freundlicher Genehmigung von Markus Kappeler 09/2007